Prof. Seidler erklärt

Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) mit quälenden Erinnerungsfetzen können jeden treffen - Soldaten, Vergewaltigungsopfer, Schwerstkranke, Zugführer, Autofahrer.
NetDoktor.de sprach mit dem Psychotraumatologen Prof. Günter H. Seidler von der Uniklinik Heidelberg.

Herr Prof. Seidler, nicht jeder Mensch, der eine schreckliche Erfahrung macht, entwickelt eine Posttraumatische Belastungsstörung. Warum?

Die Gründe kennen wir noch nicht genau und wir wissen auch nicht, welche Menschen ein höheres Risiko tragen - das wird noch erforscht. Es spielen aber sicher biologische Faktoren eine Rolle, also beispielsweise bestimmte Genvarianten, die es noch zu entschlüsseln gilt. Forscher kennen bislang eine Handvoll Kriterien, die wirklich abgesichert sind. Eines davon ist das weibliche Geschlecht. Frauen sind besonders gefährdet, nach einem Trauma eine PTBS zu entwickeln. Manchen Studien zufolge trifft es sie doppelt so häufig wie Männer.

Steigt das Risiko einer Belastungsstörung, je mehr schreckliche Ereignisse ein Mensch verkraften muss?

Ja, ein Risikofaktor ist die Vortraumatisierung. Wenn jemandem schon mal der Himmel auf den Kopf gefallen ist, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass er nach einem zweiten schrecklichen Erlebnis eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt. Sicher spielen hier aber auch die Kraftquellen, die ein Mensch zur Verfügung hat, eine wichtige Rolle. Aber der Satz "Was nicht tötet, härtet ab" ist in diesem Zusammenhang sicher falsch.

Gibt es Risikogruppen?

Manche Berufsgruppen haben eine hohe Wahrscheinlichkeit, mit Trauma-Ereignissen in Berührung zu kommen. Dazu gehören zum Beispiel Zugführer, Soldaten, Polizeikräfte, Feuerwehrleute oder Rettungskräfte. Aber auch Herzinfarkt- oder Krebspatienten können eine Belastungsstörung entwickeln.

Angriffe durch Menschen lösen häufiger PTBS aus als Naturkatastrophen. Wie kann das sein?

Ich finde das naheliegend. Eine Naturkatastrophe schweißt die Menschen zusammen, da vereinigt man sich gegen die gemeinsame Bedrohung. Wenn die Gefahr von anderen Menschen ausgeht, dann weiß man nicht mehr, wem man überhaupt noch vertrauen kann. Das zieht einem den Boden stärker unter den Füßen weg als ein Erdbeben.

Was hilft nach einem traumatischen Ereignis, um gesund zu bleiben?

Ganz wichtig ist der Umgang mit der geschädigten Person nach dem Trauma. Entscheidend ist, dass der Betroffene als Opfer wahrgenommen wird. Für ihn ist es wichtig bestätigt zu bekommen: "Ja, dir ist etwas Schlimmes passiert und du hast wirklich Schweres mitmachen müssen". Leider sind die Reaktionen oft anders. Da muss sich eine vergewaltigte Frau schon mal anhören: "Wenn du dich so aufreizend anziehst, musst du dich nicht wundern, wenn etwas passiert". Mit einem freundlichen, bestärkenden Umgang mit den Opfern hingegen lässt sich viel bewirken.

Traumatisierte Menschen leiden unter Flashbacks oder Intrusionen - sie erleben die bedrohliche Situation immer wieder. Was passiert da genau im Kopf?

In einer lebensgefährlichen Situation reagiert der Organismus anders als sonst. Er schüttet schwallartig Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin aus. Durch die Überflutung mit Cortisol wird die Speicherfunktion eines bestimmten Gehirnteils, des Hippocampus, gestört. Das gilt auch für die Fähigkeit, die Wahrnehmungen aus den verschiedenen Sinneskanälen miteinander zu verbinden.

Während einer traumatischen Situation speichert das Gehirn getrennt ab, was gehört, gesehen oder gerochen wurde. Außerdem werden die Informationen nicht mit Sprache verknüpft. Die Leute können dann nicht zusammenhängend berichten, was ihnen widerfahren ist. Die Erinnerungsbruchstücke schwirren wie kaputte Computerdateien im Kopf herum. Aber immer, wenn ein Ähnlichkeitsreiz auftritt, also beispielsweise derselbe Geruch oder ein ähnliches Geräusch wie in der Trauma-Situation, werden die Erinnerungsbruchstücke aktiviert und erfüllen wieder das Erleben der betroffenen Person. Und zwar nicht als Erinnerung, sondern so, dass der Betroffene wieder voll in der Situation drin ist.

Und wie kann man die Erinnerungsbruchstücke wieder zusammenfügen?

Mit herkömmlicher sprachgebundener Therapie, zum Beispiel der Psychoanalyse oder einer gewöhnlichen Verhaltenstherapie, geht das nicht. Man braucht dafür speziell angepasste Verfahren. Eines davon ist das sogenannte "Eye Movement Desensitization and Reprocessing", kurz EMDR genannt. Das ist weltweit für solche Fälle anerkannt.

Wie funktioniert das?

Das Gehirn wird von außen rhythmisch stimuliert. Der Therapeut bewegt beispielsweise einen Finger vor den Augen des Patienten hin und her und fordert ihn auf, diesem mit dem Blick zu folgen. Wichtig ist, dass der Patient in dem Moment in Kontakt mit dem schlimmen Erlebnis ist. Dann scheinen solche Reize, die von außen auf das Gehirn einwirken, bestimmte Verarbeitungsprozesse in Gang zu setzen. Die verlorengegangene Hippocampus-Funktion wird wieder angestoßen. Und damit laufen offenbar beschleunigt informationsverarbeitende Prozesse im Gehirn ab.

Und das bedeutet die Heilung der Belastungsstörung?

Ja, denn dadurch wird aus diesen Intrusionen eine Erinnerung. Das ist entscheidend für den Heilungsprozess. Erst dann kann jemand sagen: "Ich war in einer ganz schlimmen Situation, da waren drei Leute, die wollten mich töten - aber das ist vorbei." Die Angst sitzt demjenigen dann nicht mehr in den Knochen, das Geschehen ist Erinnerung geworden. Erst dann kann der Patient auch darüber reden, was ihm geschehen ist.

Hat EMDR etwas mit den Augenbewegungen zu tun, die sich auch im Schlaf beobachten lassen?

Wahrscheinlich ja. Im Schlaf gibt es sogenannte "Rapid Eye Movement" Phasen oder REM-Phasen, bei denen die Augen hinter den geschlossenen Lidern zucken. In solchen Schlafphasen verarbeitet das Gehirn Tagesereignisse. Wahrscheinlich basiert EMDR auf ähnlichen Verarbeitungsmechanismen. Bestimmt wurden solche Mechanismen auch in anderen Kulturen in ähnlicher Weise genutzt. Tanzen oder die rhythmischen Bewegungen von Heilern in Ekstase könnten ähnlich wirken. Menschen sind immer wieder in Lebensgefahr geraten, auch kollektiv, wenn beispielsweise ganze Dörfer von einer Naturkatastrophe bedroht waren. Dafür mussten sie Heilungsmethoden entwickeln. Ich vermute, da ist bis heute vieles verloren gegangen.

Hilft die Therapie auch, wenn Betroffene schon länger unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung leiden?

Es ist natürlich immer besser, wenn eine PTBS möglichst früh behandelt wird. Die ungünstigen Verhaltensmuster sind dann noch nicht so eingeschliffen und mögliche Sekundärfolgen lassen sich verhindern. Bei manchen geht die Ehe in die Brüche, andere verlieren ihren Job, entwickeln Herz-Kreislaufprobleme oder beginnen zu trinken. Je länger eine PTBS dauert, desto wahrscheinlicher sind solche Folgen. Aber im Prinzip kann sie auch noch nach sehr langer Zeit erfolgreich behandelt werden.

Manche meinen, an traumatischen Erfahrungen könne man auch wachsen.

Das stimmt, das gibt es auch. Allerdings ist das ist nicht die Regel. Es ist wirklich beeindruckend, wenn solche Menschen hinterher bewusster oder achtsamer mit sich umgehen. Manche wissen das Leben tatsächlich mehr zu schätzen, wenn sie mal kurz davor waren, es zu verlieren.

Herr Prof. Seidler, vielen Dank für das Gespräch.

Prof. Dr. med. Günter H. Seidler ist Leiter der Sektion Psychotraumatologie an der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik im Zentrum für Psychosoziale Medizin der Uni-Klinik Heidelberg.

Das Interview führte NetDoktor.de-Redakteurin Christiane Fux.