Psychosoziales Netzwerk

Im Team für die Klienten

Im Gespräch: Flottillenarzt Dirk Preuße

Psychosoziales Netzwerk Koblenz - Lahnstein

Das Psychosoziale Netzwerk (PSN) des Standortes Koblenz-Lahnstein, in welches das Bundeswehrzentralkrankenhaus (BwZKrhs) eingebunden ist, hat sich im Dezember 2005 zu einer ersten konstituierenden Sitzung zusammengefunden.

Es besteht aus Vertretern der Militärseelsorge, Vertretern des psychologischen Dienstes sowohl aus dem Krankenhaus, dem Zentrum Innere Führung als auch dem Heeresführungskommando, Vertretern des Sozialdienstes des BwZKrhs und des BWB sowie aus Truppenärzten. Als Besonderheit am Standort Koblenz ist aus praktischen Erwägungen das Familienbetreuungszentrum fest in das PSN eingebunden und ein Psychiater in dieses Netzwerk integriert. Nicht zuletzt ist der „Spieß“ des BwZKrhs ein zentraler Bestandteil. Hauptarbeitsbereich des PSN Koblenz-Lahnstein ist die Betreuung und Beratung von Verwundeten aus dem Auslandseinsatz im Rahmen der Repatriierung sowie deren Angehöriger. Darüber hinaus befasst sich das PSN auch mit anderen Problematiken. Bei den mindestens vierteljährlichen Treffen finden so Einzelfallbesprechungen statt. Grundlage des PSN bei Allem ist der Einzelne mit seinen Sorgen und Nöten. Das PSN will ihn mit dem Ziel der Wiederherstellung des körperlichen, psychischen, seelischen und sozialen Wohles fachlich fundiert beraten und unterstützen.

Herr Flottillenarzt, was ist das Psychosoziale Netzwerk überhaupt und was will es?

Das PSN geht ja auf Initiative aus dem BMVg aus dem Jahr 2005 zurück und ist eine Verbindung der einzelnen Berufsgruppen, insbesondere der Truppenärzte, Sozialarbeiter, Sozialberater, Militärpfarrer und der Einheitsführer vor Ort. Als Besonderheit für Koblenz bin ich als Psychiater dabei und wir haben auch das Familienbetreuungszentrum (FBZ) in dieses PSN integriert. Das PSN ist immer organisiert auf Standortebene, um hier übergreifend einen Kontakt herzustellen, eine vernetzte Hilfe, um für die Soldaten, Betroffene und Angehörige einen einheitlichen Ansprechpartner zu bieten. So müssen diese nicht jeden Ansprechpartner einzeln suchen. Egal wo sie sich melden, wenn sie sich erstbei einem Mitglied des PSN gemeldet haben, werden sie intern, also im Netzwerk weiter geführt und so wird ihnen dann schnell weiter geholfen.

Wie kann das PSN helfen?

Da ist einmal die Beratung in sozialen Angelegenheiten und in dienstrechtlichen Angelegenheiten. Dafür ist in erster Linie der Sozialdienst zuständig. Aber auch Unterstützung bei der Organisation vieler Sachen und ein bisschen Lebenshilfe, wenn diese nötig ist, gerade auch in „spirituellen Fragen“. Dafür sind die einzelnen Mitglieder des PSN da, um das alles verzahnt machen zu können.

Das PSN gibt es erst seit 2005, gab es vorher Vergleichbares?

Vorher gab es die einzelnen Bereiche und je nach Standort haben die auch mehr oder minder gut zusammengearbeitet. Das Neue daran ist eigentlich die Verzahnung und der intensivere Austausch. Der war so bei kleinen Kasernen schon gegeben, aber da ja die Standorte immer ausgedünnter und größer werden, ist es schon wichtig, den Kontakt zu haben und zu wissen, wer wo sitzt. Wenn sie neu irgendwo hin kommen, müssen sie nicht alles mühsam heraussuchen. Sie haben jetzt eine Ansprechgröße. Wenn sie Hilfe brauchen, ist das einfacher als sich zu fragen, wohin gehe ich denn zu wem? Hier aktiviert sich das Netzwerk und hilft dem Einzelnen weiter. Und das PSN folgt auch dem neuen Anforderungsprofil: Früher war die Sozialberatung vor allem bei bestimmten sozialen Härten in den Familien nötig. Heutzutage ist der Bedarf deutlich gestiegen durch die Auslandseinsätze und deren Folgen. Das ist der Hintergrund für diese Vernetzung insgesamt.

InfoBox - PSN

Die Gründung von Psychosozialen Netzwerken (PSN) auf Standortebene beruht auf dem Medizinisch-Psychologischen Stresskonzept der Bundeswehr (MedPsychStressKonBw FüSan I 1 – Az 42-13-40/PSZ III 6 – Az 66- 01-10 vom 20.12.2004), den Leitlinien für die Zusammenarbeit im Psychosozialen Netzwerk der Arbeitsgruppe Psychosoziale Unterstützung (AGPSU) sowie der Weisung zur Bildung von Netzwerken in den verschiedenen Organisationsbereichen wie z.B. dem Erlass vom 13.09.2005 von PSZ III 1 – Az 23-01-00/283/310001. Die Netzwerke bieten Soldatinnen und Soldaten sowie deren Angehörigen, aber auch den Vorgesetzten Unterstützung und Beratung bei der Bewältigung von psychosozialen Problemen an. Dabei wird bereits auf Standortebene vorhandenes Personal zusammengefasst, um die Koordinierung von Hilfen zu erleichtern, Redundanzen zu vermeiden und somit synergetisch Arbeitsergebnisse zu optimieren. Außerdem dient es dem Transfer von Wissen und dem interdisziplinären Erfahrungsaustausch.

Wie findet jemand denn das PSN? Wie findet das PSN den Einzelnen?

Sie finden uns in Flyern und über Aushänge am schwarzen Brett. Auch die Einheitsführer sind informiert, was das PSN ist und können entsprechend Informationen geben. So kann sich jeder dort Hilfe suchen. Dann aktiviert sich das System. Es gibt keine zentrale bundesweite Telefonnummer, die gibt es in den einzelnen Netzwerken. Wir haben das über das FBZ gemacht, da die sowieso eine zentrale Nummer haben und darüber dann die Kontakte herstellen.

Wie viele Klienten behandeln Sie derzeit im Netzwerk?

Das kann ich Ihnen nicht genau sagen. Wir führen keine Statistik für das Netzwerk. Das Netzwerk ist nicht so zu verstehen, dass sie darin alle von allen gleichzeitig betreut werden. Das PSN ist die Ansprechund Koordinierungsstelle der Einzelnen. Wenn sich also jemand z. B. beim Sozialdienst meldet, dann gibt es auch einen kurzen Draht zu anderen Stellen innerhalb des PSN.Viel passiert durch das PSN auch in der Vorbereitung, wie hier in Koblenz z. B. zu Beginn die Frage, wie organisieren wir die Betreuung der Angehörigen bei repatriierten Soldaten. Diese Betreuung ist auch ein ganz großer Schwerpunkt des PSN. Jetzt hat sich das auch in Verbindung mit anderen PSN schon gut eingespielt. Die Vernetzung merkt der Klient eigentlich nur daran, dass kurze Wege bestehen und es nicht so langwierig wie früher ist. Das PSN ist ein zentraler Punkt, auf den alle zugreifen können und von dort werden die Klienten an die einzelnen „Stationen“ weitergeleitet. Eine Verbesserung der Organisation und der Kommunikation untereinander.

Wie oft treffen sie sich, wie viele Mitglieder hat das Netzwerk in Koblenz-Lahnstein und wie finden sie zueinander?

Wir treffen uns ungefähr einmal im Quartal. Bei Bedarf auch häufiger. Wir sind ca. 15 Mitglieder, ein recht großes Netzwerk aufgrund des Standortes Koblenz. So nehmen Truppenärzte und Fachärzte, Sozialberater und -dienste, die Militärpfarrer, das Familienbetreuungszentrum (FBZ) und nicht zuletzt der Spieß des BwZK daran teil.

Und die bisherigen Erfolge?

Der erste Arbeitsschwerpunkt war die Organisation der Betreuung von Angehörigen der repatriierten Soldaten. Die ersten Male wussten wir noch wenig darüber, wie wir dies machen und haben jetzt einen Ablaufplan, wie wir das handhaben. Was muss gemacht werden, wer empfängt die Angehörigen, wer betreut sie in der Zwischenzeit? Das ist immer sehr viel Aufwand wie zum Beispiel die Frage nach der Unterbringung oder des Transports. Aber auch das Finanzielle musste geklärt werden. Oder die Frage nach einem „Programm“ für die Angehörigen, wenn sie eine zeitlang mal nicht so dicht am Klienten selbst dran sein sollen. Das läuft inzwischen sehr routiniert ab, ohne Routine zu sein. All dies können wir mittlerweile organisieren, insofern ist dies sicher als „Erfolg“ zu werten. Durch die Erfahrungen im Umgang mit den Angehörigen können wir immer mehr auf deren Bedürfnisse eingehen und, soweit es uns möglich ist, auch erfüllen. Auch das ist sicher ein Erfolg für uns alle.

Sind sie mit dem PSN auch schon an Grenzen gestoßen?

Im Prinzip konnten wir bisher alle Aufgaben bewältigen. Wenn mehr als 20 Angehörige eintreffen, sprengt das natürlich für den Moment den Rahmen. Aber auch da haben wir die Erfahrung gemacht, wenn man das vernünftig begrenzt und den Angehörigen erklärt, dann läuft das. Wir haben in der Bundeswehr auch Soldaten anderer Glaubensrichtungen. Dann haben wir die Verbindung zu einem Imam hergestellt und konnten so auf die individuellen Bedürfnisse der entsprechenden Soldaten eingehen.

Gibt es eine bundesweite „PSN-Dachorganisation“?

Wir tauschen uns im persönlichen Kontakt aus, es gibt aber keine Dachorganisation oder Bundestreffen der Netzwerke. Da wir in Koblenz sehr früh und intensiv angefangen haben, konnten wir vielen anderen Netzwerke in der Region Impulse geben und dort Vorträge halten, wie wir unser Netzwerk aufgebaut haben und wo unsere Arbeitsschwerpunkte liegen. Wir haben über die Betreuung mit den Angehörigen und Soldaten Kontakte mit anderen Netzwerken, aber es gibt keine organisierten und regelmäßigen Treffen. Mittlerweile gibt es an jedem größeren Standort ein PSN.

Wo liegt der Schwerpunkt ihrer Arbeit?

In den Netzwerken vor Ort sind das sowohl die akut Verwundeten als auch die „normalen Rückkehrer“, aber auch andere Dinge. Soziale Notfälle, die sich an das Netzwerk wenden, insbesondere an den Sozialdienst oder den Truppenarzt. Versetzungen sind eine erhebliche Belastung für die Soldaten und deren Familien. Das PSN ist ein Instrument, um an die Angehörigen der Soldaten heranzukommen. Die Bundeswehr kann ihren Auftrag insbesondere in den Auslandseinsätzen nur erfüllen, wenn wir die Angehörigen stützen. Das PSN ist mehr als „nur“ die Hilfe und Unterstützung der an PTBS Erkrankten und deren Angehöriger.

Wo sehen Sie das PSN derzeit und in der näheren Zukunft?

Einen Idealzustand gibt es nicht. Wir lernen mit jedem Klienten dazu, erkennen neue Unwägbarkeiten und Dinge, die man anders machen muss, individuell an diesen Fall angepasst. Das ist ja gerade der Vorteil des Netzwerkes: Es gibt nicht ein Raster und der Fall „muss sich dem anpassen“, sondern es kann individualisiert sein; man hat mehr Möglichkeiten zu reagieren, schneller zu reagieren. Das bedeutet dann aber auch, mit jedem Einzelfall dazuzulernen. Über solche Sachen finden auch Rückmeldungen statt. Durch Initiativen, die ja auch über die psychosozialen Netzwerke mit angeschoben worden sind und über die Arbeitsgruppe Psychosoziale Unterstützung dann letztendlich gegangen sind, kam es unter anderem zum Einsatzweiterverwendungsgesetz und dem Verbesserungsgesetz. Damit ist bei Weitem noch nicht alles gelöst, aber wir sind schon riesig vorangekommen. Solange es aber immer noch Menschen gibt, die durch die Maschen fallen, ist es nicht perfekt.

Was wünschen Sie sich denn für die Zukunft?

Ich wünsche mir, dass das ganze selbstverständlicher wird und auch in den Einheiten verstanden wird, wie wichtig es ist, die familiären Strukturen zu stützen, damit die Soldaten die Einsatzbelastungen überhaupt leisten können. Nur wenn die Familie vernünftig funktioniert, kann der Soldat seinen Auftrag im Einsatzland problemlos erfüllen. Für die PSN geht es um die Vermittlung von Hilfe, und das vor Ort.