Kameradenhilfe

Es ist wichtig, über das Thema zu reden

Oberstarzt Dr. Karl-Heinz Biesold
Porträt Oberstarzt Dr. Karl-Heinz Biesold

Mit Spannung erwarteten die mehr als 170 Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Vortrag von Oberstarzt Dr. Karl-Heinz Biesold auf dem 1. Tegernseeforum "Präventiv- und Einsatzmedizin".

Im Rahmen der Arbeitstagung der Offiziere im Sanitätsdienst in Süddeutschland in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Wehrmedizin und Wehrpharmazie e.V. in Wildbad Kreuth vom 4. bis 6. November 2009 sprach Dr. Biesold über ein Thema, das in den letzten Monaten und Jahren nicht nur innerhalb der Bundeswehr, sondern auch in den Medien großes Interesse findet: "Die psychische Belastungsfähigkeit von Soldaten im Einsatz - Strategien zur Prävention und Behandlung von posttraumatischen Stresserkrankungen".

Klare Botschaft

Dr. Biesold hob hervor, dass es wichtig ist, über dieses Thema zu reden, weil man über Dinge, über die man nicht redet, Ängste entwickelt. "Häufig besteht der Irrglaube, dass, wenn ich über bestimmte Dinge nicht rede, sie auch nicht so bedrohlich sind, aber es ist genau umgekehrt", warnt der Psychiater.
Seine Botschaft für die betroffenen Soldatinnen und Soldaten ist klar und direkt: "Es gibt solche Störungen, aber es gibt auch Hilfe. Man kann sich bis zu einem gewissen Grad gut vorbereiten, dennoch kann man bei bester Vorbereitung verletzt werden. Das gilt für die körperliche wie die seelische Verletzung, aber es gibt Hilfsangebote. Es ist wichtig, dass diese Hilfsangebote von den Soldatinnen und Soldaten gekannt werden. Man darf vor den Einsätzen keine Angst verbreiten. Das ist so wie mit Medikamenten: Man muss über Risiken und Nebenwirkungen aufklären, aber darf die Betroffenen nicht verschrecken."

Frage der Fitness

Generalarzt Dr. med. Frank Schindelhauer, Kommandeur des Sanitätskommandos IV in Bogen, der die Arbeitstagung moderierte, begrüßte Oberstarzt Dr. Karl-Heinz Biesold im Festsaal des Bildungszentrums der Hanns-Seidel-Stiftung e.V.
"Die Frage der körperlichen Fitness geht einher mit der seelischen Fitness. Jemand, der körperlich gut fit ist und der gut ausgebildet ist, der ist auch stabiler im Einsatz und somit verringert sich das Risiko einer posttraumatischen Belastungsstörung. Das Ziel ist es, möglichst viele unserer Truppenärzte, unserer Leiter der Sanitätszentren im süddeutschen Bereich und darüber hinaus mit Informationen zu erreichen, wie man den Stress bewältigt", so der Generalarzt.

Allgemeine Stressbelastungen

Derzeit beteiligen sich 8.330 Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr an Einsätzen im Ausland. Seit 1992 wurden ca. 270.000 mal Bundeswehrangehörige in die weltweiten Auslandseinsätze entsandt und einsatzbedingt allgemeinen Stressbelastungen ausgesetzt.
"Operationelle Stressoren sind zum Beispiel die hohe Dienstzeitbelastung, Monotonie, unzureichendes dienstliches Informations- und Kommunikationsverhalten, Leben auf beengtem Raum, mangelnde Intimsphäre, lange Trennung vom sozialen Umfeld (Familie, Partner, Freunde) in der Heimat, langdauernd eingeschränkte Kommunikationsmöglichkeit, fremdartige Kulturen und Gebräuche, belastende Umwelteinflüsse und eingeschränkte Sauberkeit und Hygiene," betonte Dr. Biesold, Leitender Arzt der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie des Bundeswehrkrankenhauses Hamburg.

Gefühlte Sicherheitslage

Besondere Stressoren seien Eindrücke von Not, Elend, Zerstörung und Gewaltanwendung, das persönliche Gefährdungsrisiko ("gefühlte Sicherheitslage"), das Gefühl der Ohnmacht gegenüber Gewalt und Unrecht an der Zivilbevölkerung im Einsatzgebiet, die Einsatzgrundsätze “ rules of engagement - und auch die Anwendung rechtmäßiger Gewalt, die den Soldaten selbst zum Verursacher von Tod und Verwundung macht, so der Oberstarzt weiter.
Es gebe nicht wirklich Präventiv-Strategien zur Verhinderung seelischer Traumatisierungen. "Wir können Soldatinnen und Soldaten darauf vorbereiten, besser mit Stresssituationen umzugehen, aber nicht alle Situationen sind vorhersehbar und trainierbar." Eine gelungene Vorbereitung ist eine sehr gute körperliche Fitness. Eine schlechte körperliche Verfassung bringt Menschen sofort in eine schlechte seelische Verfassung, wenn man mit Ängsten verbunden befürchten muss, dass man nicht gesund aus der Situation herauskommt", erklärt der Mediziner.